Kultur

08.06.2017. 16:35

Die Letten sind ein äußerst musikalisches Volk, und das nicht erst seit der „singenden Revolution“ vor nunmehr fünfundzwanzig Jahren. Gemeinsam zu singen, gilt als Inbegriff lettischer Identität. Vor allem während der sowjetischen Besatzung vermittelte diese Tradition ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das es zu bewahren galt. Aber auch bei jungen Leuten steht die lettische Folklore immer noch hoch im Kurs: Es gibt in Lettland kaum ein Dorf, das keinen Chor oder eine Tanzgruppe besitzt.

So ist es nicht verwunderlich, dass das alle fünf Jahre stattfindende lettische Sängerfest (Dziesmu svētki) ein Ereignis von nationaler Bedeutung ist. Mehrere Tausend Menschen kommen nach Riga, um den Chorsängern auf der Bühne zuzuhören oder selbst mitzusingen. Im Verlauf dieses mehrtägigen Festes finden mehrere Konzerte mit Zehntausenden von Sängerinnen und Sängern in einem gemeinsamen Chorgesang und Tanz-Veranstaltungen in großen Stadien statt. Das Sängerfest hat in Lettland eine über hundertjährige Tradition und gehört inzwischen zum UNESCO Weltkulturerbe. Das nächste Sängerfest in Riga wird im Jahr 2018 stattfinden und wird den Höhepunkt der Feierlichkeiten des 100.Staatsjubiläums bilden.

Lettland hat eine ganze Reihe herausragender Musiker hervorgebracht, wie etwa den Chefdirigenten des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks Mariss Jansons, den Kapellmeister des Leipziger Gewandhausorchesters Andris Nelsons, die Mezzosopranistin Elīna Garanča, die Sopranistin Inese Galante, den Bassbariton Egils Siliņš oder den Geigenvirtuosen Gidon Kremer, die auf den Bühnen der Welt heute präsent sind. Das von Kremer gegründete Orchester Kremerata Baltica (www.kremeratabaltica.com) gastiert regelmäßig auch in Deutschland.

Die Lettische Nationaloper und Ballet in Riga (www.opera.lv), die im Jahr 2013 ihr 150-jähriges Jubiläum feierte, genießt den Ruf einer internationalen Talentschmiede. Hier begann die Karriere des hochbegabten Dirigenten Andris Nelsons, der inzwischen zu den gefragtesten jungen Dirigenten in der internationalen Musikszene gehört. Zu den kulturellen Höhepunkten gehört auch jedes Jahr das Opernfestival in Riga. Hier werden die Neuinszenierungen der jeweiligen Spielzeit sowie die eindrucksvollsten Inszenierungen der vergangenen Saisons angeboten.

Auch in der Popmusik ist Lettland erfolgreich: Bei seiner ersten Teilnahme am European Song Contest 2000 erreichte Lettland mit der Pop- und Rockband „Brainstorm“ (in Lettland - „Prāta Vētra“) den dritten Platz. 2002 gewann Marie N. überraschend den europäischen Gesangswettbewerb und brachte das Musikereignis 2003 nach Riga. Der größte Exportschlager der lettischen Popmusik bleibt jedoch die Rockgruppe „Brainstorm“.

Auch die visuelle Kunst überschreitet die Grenzen von Sprache und Nationalität. Zu Zeiten der Sowjetunion unterlag die bildende Kunst der Doktrin des Sozialistischen Realismus; heute präsentiert sich die zeitgenössische Kunst aus Lettland selbstbewusst und auf Augenhöhe mit Entwicklungen in der internationalen Szene. Mit der Wiedererlangung der Unabhängigkeit, gewannen die lettischen Künstler eine künstlerische Freiheit, die ihnen neue Ausdrucksformen ermöglichte – etwa Installationen, Performances oder Konzeptkunst. Das deutsche Publikum kann sich davon sowohl auf den renommierten Kunstmessen in Berlin, Köln und Karlsruhe als auch bei den zahlreichen Einzelausstellungen in ganz Deutschland überzeugen. Andris Breže, Artis Bute, Ieva Iltnere, Barbara Gaile, Inta Ruka und Aija Zariņa müssen den Kennern der modernen Kunstszene nicht vorgestellt werden. Erwähnenswert für alle baltischen Staaten ist die Beteiligung an "Ars Baltica", einer Initiative der kulturellen Kooperation aller Ostseestaaten (www.ars-baltica.net).

Das meistersehnte Ereignis für die Kunstszene Lettlands ist der Ausbau der Halbinsel Andrejsala (www.andrejsala.lv) zu einem kulturellen Zentrum der Hauptstadt. Drei neue Gebäude für Kunst und Kultur sollen hier entstehen, die so genannten „Neuen Drei Brüder“. Geplant ist unter anderem ein Museum für zeitgenössische Kunst nach den Entwürfen des renommierten Architekten Rem Koolhaas (www.camriga.lv). Unter dem Motto „Absolute Zugänglichkeit“ wird man hier Künstlern und Restauratoren direkt bei der Arbeit zusehen können, es werden Workshops, Dauer- und Wechselausstellungen angeboten. Die Sammlung der modernen Kunst konzentriert sich auf den gesamten Ostseeraum. Es soll keine rein nationale Ausstellungshalle werden, sondern auch estnische, litauische, finnische oder russische Kunstwerke präsentieren, die die gemeinsame kunsthistorische Geschichte widerspiegeln.

Wenn der lettische Regisseur Alvis Hermanis nicht gerade im Ausland weilt, führt er Regie am Jaunais Rīgas Teātris, einer der beliebtesten lettischsprachigen Bühnen in Riga (www.jrt.lv). Alvis Hermanis ist mit seinen experimentellen Inszenierungen mittlerweile auf allen Theaterfestivals der Welt zu Hause und führt auch regelmäßig an deutschsprachigen Theatern Regie. Für die Berliner Festspiele inszenierte er ein Konzert von Simon & Garfunkel in Riga („The Sound of Silence“, 2007). In „Kölner Affäre“ (2008) erzählte er Geschichten von Kölner Passanten. In den Münchner Kammerspielen hatte im Oktober 2010 Jack Londons Roman „Ruf der Wildnis“ Premiere. Basierend auf der Tradition des psychologischen Realismus betreibt Hermanis eine poetische Seelenforschung, die auch international Anerkennung und Bewunderung findet. 2003 erhielt Alvis Hermanis den Preis für Junge Regisseure (Young Directors Award) für seine Aufführung „Der Revisor“ bei den Salzburger Festspielen, 2007 bekam er den Europäischen Theaterpreis verliehen und 2010 den Konrad-Wolf-Preis der Berliner Akademie der Künste.

In der zeitgenössischen Literaturlandschaft Lettlands hat insbesondere die Dokumentarliteratur, die Erinnerungen an die Deportationen und Inhaftierungen während der Sowjetjahre wiedergibt, seit den frühen 90er Jahren stark an Popularität gewonnen. Sandra Kalnietes Buch „Ar balles kurpēm Sibīrijas sniegos“ (Mit Ballschuhen im sibirischen Schnee), in dem die frühere Außenministerin Lettlands ihre Familiengeschichte beschreibt, ist in mehrere Sprachen übersetzt worden. Eine ganz andere Art von Kollektiv-Erfahrungen beschreibt Laima Muktupāvela in ihrem Buch „Šampinjonu derība“ (Das Champignonvermächtnis). Der Roman, der auch auf Deutsch erschienen ist, erzählt sehr lebhaft und bisweilen ironisch vom Alltag lettischer Gastarbeiter in irischen Pilzhangars. Gundega Repše, Pauls Bankovskis, Nora Ikstena, Andra Neiburga und Inga Ābele sind einige der bekanntesten Vertreter moderner lettischer Gegenwartsliteratur.